Wider das Vergessen – Auschwitz/Birkenau 2017

Am 22.02. 2017, gegen 6.00 Uhr morgens, begann für 23 Schülerinnen und Schüler des 9. Jahrgangs die lange geplante Reise nach Polen. Die Idee dieser Fahrt ist es, Jugendlichen die Orte der Gräueltaten zu zeigen, die im dritten Reich verübt wurden. Ein persönlicher Kontakt und die damit verbundene Konfrontation mit der Geschichte hat eine besondere und nachhaltige Wirkung und ermöglicht den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sich selbst ein Bild zu machen und begründet Stellung zu beziehen.

Erstmalig fand die Fahrt in Kooperation mit der Gesamtschule Mönchengladbach Hardt statt, die mit 25 Schülerinnen und Schülern dabei waren. Organisator und Hauptsponsor der Fahrt war die Konrad-Adenauer-Stiftung. Aber auch viele private Spender und das Erzbistum Köln haben unseren Jugendlichen diese Fahrt erst ermöglicht. Dafür allen ganz herzlichen Dank.

In verschiedenen nachschulischen Treffen vor der Fahrt sind die geschichtlichen Hintergründe erarbeitet worden. Die Beschreibung der Lagerstruktur und die Situation der Juden während des Holocaust im zweiten Weltkrieg bildeten dabei Hauptthemen. In Referaten bereiteten sich die Jugendlichen auf die verschiedenen Begegnungsstätten während der Fahrt vor.

Ein Nachmittag wurde durch Nadia Meroni, Jugendbeauftragte von Amnesty International, bereichert. Frau Meroni informierte die Teilnehmer und Teilnehmerinnen über Menschenrechtsverletzungen in der heutigen Zeit und zeigte auf, wie wichtig es ist, dass wir alle couragiert gegen Verletzungen der Menschenwürde angehen müssen, die zunehmend in unserer Gesellschaft festzustellen sind.

Für die Jugendlichen entstand während der Gespräche an keiner Stelle die Frage, warum wir uns heute noch mit dem Thema Judenverfolgung, die doch nun schon mehr als siebzig Jahre vorbei ist, beschäftigen müssen. Im Hinblick auf die zunehmende Ausländer- und Judenfeindlichkeit, die in vielen Bereichen unserer Gesellschaft festzustellen ist, war es für sie eine Selbstverständlichkeit, sich für dieses Projekt zu melden und einen Teil der freien Karnevalstage und das Wochenende dafür zu opfern.

Nach einer circa 14-stündigen Fahrt kamen die Gruppen in Krakau an. Am nächsten Morgen ging es dann los. Zwei Guides betreuten die Gruppen während der drei Tage. Einfühlsam führten sie die Jugendlichen durch die wichtigen Bezirke Krakaus. Kaźmierz, das jüdische Viertel, beeindruckte durch seine sieben Synagogen und die Klagemauer auf dem alten jüdischen Friedhof, die aus Bruchstücken der von Nazis zerstörten Grabsteinen gemauert wurde.

‘Klagemauer’ in Kaźmierz Der alte jüdische Friedhof

 

Der Stuhlplatz, ehemaliger Deportationsplatz im jüdischen Getto Podgorze, zeigte eindrücklich die Brutalität der ersten Deportationen von polnischen Bürgern. Die Schindler-Firma bereitete die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit ihrer visuellen, auditiven und haptischen Gestaltung der geschichtlichen Hintergründe umsichtig auf das vor, was sie an den nächsten beiden Tagen in Auschwitz und Birkenau erwarten würde.

Der ‘Stuhlplatz’, ehemaliger Deportationsplatz im Ghetto Podgorze. Zeichen der Leere und der Vernichtung der Persönlichkeit von Menschen.

In der Schindler-Firma wird das Hakenkreuz mit Füßen getreten.

 

 

Der nächste Tag begann, nach dem Transfer nach Auschwitz, direkt im Stammlager 1. Auch hier wurde durch eine fachkundige Guide über die unvorstellbaren Verbrechen berichtet. Auschwitz lebt von der Dokumentation in Form von Bildern, Filmen und authentischen Gegenständen der in Auschwitz/Birkenau getöteten Menschen. Nicht alles konnten sich unsere Schülerinnen und Schüler ansehen. Geschockt waren sie von der Sachlichkeit und Bürokratie, mit der das Leid in Auschwitz von den Nazis dokumentiert worden war.

Stammlager 1, Auschwitz

Kinderzeichnungen: Ein Kind wartet auf seine Deportation

Im abendlichen Gespräch hatten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, ihre Erlebnisse Revue passieren zu lassen und Ängste, Unsicherheiten und Fragen loszuwerden. Die Gruppe berichtete von Sprachlosigkeit und einem seltsamen Gefühl der Leere bis hin zu Entrüstung und völliger Fassungslosigkeit. Der Wunsch aller ist es, ihre Erfahrungen in der Schule anderen mitzuteilen, damit beleidigende Äußerungen und Verhaltensweisen gegenüber bestimmten Menschengruppen, die in unserer Gesellschaft vermehrt Raum einnehmen, nicht zugelassen werden.

Der Besuch in Birkenau am nächsten Tag zeigte den Schülerinnen und Schülern dann das Ausmaß der Vernichtungsindustrie.

Blick vom Wachturm über dem Todes-Tor auf einen kleinen Teil Birkenaus

Die ‘Frauenbaracke’

Die ‘Hygiene-Baracke’, für 10 Minuten pro Tag

In Anlehnung an die jüdische Begräbnistradition: Steine als Zeichen des Respekts in der Kinderbaracke

 

Das Lager Auschwitz 2, ausschließlich zum Zweck der Vernichtung gebaut, macht mit anderen Mitteln fassungslos. Die Tatsache, dass nahezu alles, was dort zu sehen ist, unverändert geblieben ist, schockierte die Jugendlichen. Die Baracken, die man betritt, sind dieselben, in denen 1,1 Millionen Juden die letzten Wochen ihres Lebens unter menschenunwürdigen Verhältnissen zubringen mussten, bevor sie in die Gaskammern geschickt wurden. Besonders eindringlich wirkte die Kinderbaracke. Hier wurde noch einmal sehr deutlich, dass die Brutalität der Nazis keine Grenzen kannte. Für einige Jugendliche war das zu viel.

Waggon für ca. 150 Menschen an der Selektionsrampe

Die Gedenksteine nahe den zerstörten Krematorien und Gaskammern

 

Am Nachmittag wurde im Haus für Dialog und Gebet der Film über den Auschwitzfotografen Wilhelm Brasse gezeigt, der als sogenannter Funktionshäftling alle Gefangenen fotografieren musste. Ein Bild verfolgte ihn auch nach der Befreiung so sehr, dass er seinen Beruf aufgeben musste.

Im abendlichen Gespräch wurde auch dieser Tag besprochen. Besonders erschüttert zeigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer darüber, dass in den Baracken von anderen Besuchern Namen, email-Adressen und andere Zeichen eingeritzt wurden, die den Respekt vor dem Leid der Menschen vermissen ließen. Das Fazit an diesem Abend war einhellig: Diese Fahrt und diese Art der Konfrontation mit der Geschichte muss zur Regel werden: nicht, um uns schuldig zu fühlen, sondern damit wir dafür Sorge tragen, dass solche Verbrechen nie wieder geschehen.

 

Unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Haus für Dialog und Gebet